Ford Fiesta ST (182) im Dauertest

Ford Fiesta ST (182) im Dauertest

Der Ford Fiesta ST ist schon ein feines Ding – durch die Presse ging er als ultimativer Budget-Sportler, selbst Top-Gear widmet dem ST ein paar warme Worte. Jeremy Clarkson bezeichnet ihn als den nächsten Ford-Klassiker, Richard Hammond schwärmt sogar eine Staffel später, in Season 22, noch von ihm. Das ganze geht sogar soweit, dass die beiden Top-Gear Moderatoren den Fiesta in ihrem Special-Film „The Perfect Road Trip“ als perfektes Fahrzeug für die Serpentinenstrecke vorstellen.

Ja, gerade Landstraßen und kurvige Pässe kann der Fiesta richtig gut – das durfte ich auch bei meiner Probefahrt in 2013 feststellen. Ein Vorführer war übrigens garnicht so leicht zu finden, weswegen ich wegen einer Probefahrt extra 70km (einfach) fahren musste, um einen Händler zu finden, der seinen Vorführwagen aufgrund hoher Nachfrage nicht schon verkauft hatte. Wie auch immer, nach einer einstündigen Probefahrt hatte es mir der Fiesta ST so angetan, dass ich nicht anders konnte, als ihn sofort zu bestellen. In der Exkluvisfarbe „Lavarot“ als ST2, mit jeder Ausstattung, die mir nützlich erschien und, dank großzügigem Verkäufer, mit 17% Rabatt, dafür aber mit saftigen 6 Monate Wartezeit. Zur weiteren Auswahl stand noch der Peugeot 208 GTI (der nach der Probefahrt mit dem ST sofort vergessen war) und der Toyota GT86, der leider ausserhalb meines Budgets war. In der Probefahrt erwies sich der Vierzylinder-Boxer des GT86 im Übrigen als deutlich weniger Durchzugsstark als der kleine aufgepustete Reihenvierzylinder im Fiesta ST. Klar, der Turbo macht hier subjektiv einen recht großen Unterschied in der Beschleunigung.

1 1/2 Jahre und 20.000km später ziehe ich nun mein erstes Resumé, das ich euch nicht vorenthalten möchte.

Fahrspaß pur als Daily Driver

Etwas besonderes hat er ja schon an sich, der kleine Fiesta. Er unterscheidet sich im Aussehen garnicht so sehr von seinen zivilen Brüdern, ein dezentes Body-Kit rundum lässt ihn ein wenig breiter und etwas tiefer wirken. Das Sportfahrwerk macht ihn noch einmal rund 15mm tiefer. Doch setzt man sich erst einmal vors Lenkrad, wird man jedesmal aufs Neue verzaubert: Frech brummelt während der Stadtfahrt der Turbo-Vierzylinder mit 182 PS und bis zu 290 Nm Drehmoment aus dem Sound Symposer heraus. Will man einmal etwas Spaß haben, drückt man einfach das Gaspedal durch: Auch nach einem Jahr beeindruckt die Drehfreudigkeit des kleinen 1,6 Liter Motors, die ich zumindest bei Turbomotoren in dieser Hubraumklasse noch nicht erleben durfte. Und ja, dieses kleine Glücksgefühl beim Durchtreten ist erstaunlicherweise auch nach diesem einen Jahr mit vielen Arbeitsfahrten und noch mehr Spritztouren erhalten geblieben.

Dazu noch das sportlich-straffe Fahrwerk und die auf Feedback getrimmte elektronische Lenkung und ein kleiner Kurvenräuberer ist geboren. Selten lässt der Fiesta ST daran zweifeln, dass man die letzte Kurve nicht noch ein wenig schneller hätte nehmen können. Hin und wieder lenkt das Heck mit ein – ein übersteuern, das einem das Grinsen ins Gesicht tackert, aber dank Vorderradantrieb recht ungefährlich und steuerbar bleibt. Übersteuern? Ja, eigentlich ganz untypisch für den „unsportlichen“ Vorderradantrieb. Doch spätestens der Renault Megane R.S. 275 Trophy (und seine Vorgänger) konnten beweisen, dass die Ingenieure einiges aus dem Antrieb rausholen können.

Klassentypische Ausstattung & kaum Macken

Der Fiesta ansich liefert einige nette technische Spielereien: So kann man einige Funktionen per Sprache steuern, die Windschutzscheibe ist beheizbar und Klima und Tempomat sind natürlich auch mit von der Partie. Insgesamt hat sich die Ausstattung als weitgehend nützlich erwiesen. Leider gibt es kein Xenon für den kleinsten ST, dafür bekommt er recht hübsche Projektionsscheinwerfer, die einigermaßen pässliches Licht auf die Straße werfen. Störend: der ST kann als einziger in der Fiesta Familie die Fenster nicht per Knopfdruck auf den Schlüssel hoch- und runterfahren (warum?!). Hier gibt es aber Abhilfe: Einige Werkstätten bieten die Freischaltung der Funktion gegen einen kleinen Obulus an.

Welche Ausstattung muss in den Fiesta ST?
Die beheizbare Windschutzscheibe ist nicht nur im Winter super – sie verhindert auch zuverlässig das Anlaufen der Scheibe von Innen. Frost und Eis sind innerhalb von wenigen Minuten komplett abgeschmolzen. Die Teilleder-Recarositze bieten tollen halt und sind sehr pflegeleicht. Das Sony-Radio ist nur geringfügig besser als die Standardanlage von Ford, bietet aber einige nützliche Funktionen wie DAB.

Auf was kann man verzichten?
Rückfahrkamera und Piepser – das Auto ist eh schon sehr schmal und kurz. Das Navi habe ich nicht getestet – es kommt zusammen mit einem etwas größerem Bildschirm – doch ist er der Bildschirm des Infotainment-Systems eh so winzig, dass sich ein Handy mit Navi-App empfiehlt. Das Sync2-System des Focus ST wäre hier schön gewesen. Regensensor und Fernlichtassistent sind nett, aber eigentlich unnötiges Technik-Spielzeug.

Auf der Langstrecke ist der Fiesta ST aufreibend

Der Fiesta ST ist sehr sportlich ausgelegt. Das merkt man auch am Fahrwerk, das extrem hart federt und jede Unebenheit direkt auf den Fahrer weitergibt. Wer in einer Stadt mit schlechten Straßen wohnt und probleme mit den Bandscheiben hat, sollte vielleicht lieber zu einem komfortableren Modell greifen. Der Fiesta ST verzeiht kein einziges Schlagloch, bei besonders großen Schlaglöchern hört es sich eher so an, als würde die Vorderachse gleich durchbrechen. Der Focus ST ist zum Beispiel auch straff, aber weitaus besser geeignet für längere Fahrten.

Das sollte sich auch beweisen, als im Sommer 2014 der erste Urlaub mit dem neuen Gefährt ansteht: Über eine knapp 500km-Etappe ging es Richtung Sonne, nach Italien an die Riviera. Dazu ging es natürlich nicht über die langweilige Brenner-Autobahn, sondern auf direktem Wege über Felbertauernstraße & – Tunnel und Plöckenpass. Eine fantastische Route, um sogar schon auf dem Weg zum Strandurlaub ein wenig Spaß zu tanken.

Dass der Fiesta ST nicht für die Autobahn gebaut wurde, merkt man ihm auf der kurzen Autobahnstrecke Richtung Österreich und in Italien schon an. Er lässt sich zwar lässig bis 200-210 km/h treten (danach wirds mühselig, Höchstgeschwindigkeit waren rund 235 km/h). Dabei zeigte sich der Nachteil vom Fake-Sound: Der Sound Symposer ist für den Fahrer im Alltag zwar ein Traum und lässt den schnöden Reihenvierzylinder rotzfrech klingen, auf der Autobahn mutiert er aber zu einer ständigen Lärmquelle, die bei längeren Fahrten über 120 km/h zum Kopfwehfaktor mutiert. Dazu kommt noch das knackige Fahrwerk, das keine Spurrille unbeachtet lässt und auf deutschen Autobahnen jede Unebenheit trotz grandioser Recarositze direkt und ungefiltert auf die Bandscheiben durchschleift. Doch das alles ist schnell vergessen, sobald man eine Serpentine vor sich hat.

Auf Passstraßen macht der Fiesta ST so viel Spaß, dass man ihm seine sportlichen Ambitionen auf der Autobahn gerne verzeiht. Auch mit Gepäck und zwei Personen an Bord ist der Motor noch so spritzig, dass man bergauf problemlos überholen und ihn nach dem „Point-and-Shoot“-Prinzip in jede noch so enge Kurve werfen kann, bis der Beifahrer nach der nächstbesten Tüte greift, um sich von seinem Frühstück zu erleichtern.

Auf einer baufälligen italienischen Passstraße war damit allerdings Schluss – hier waren die Schlaglöcher so immens, dass man dem kleinen ST nurnoch Kriechgeschwindigkeit zumuten wollte, während große Luxusbomber alá S-Klasse und 7er BMW irritiert vorbeiziehen müssen.

Mein Fazit: Nach rund 6 Stunden Fahrt hat der Fiesta ST einen Fahrer mit festgetackertem Grinsen (und mächtig Rückenschmerzen, aber was solls) vor dem Hotel aussteigen lassen. Für Vertreter und Vielfahrer ist der Fiesta ST aber augenscheinlich die falsche Wahl, denn hier werden die Fahrten schnell sehr nervenaufreibend und anstrengend.

Inspektionen & Unterhaltskosten – Viel Spaß für wenig Geld

Auch beim Verbrauch gibt sich der Fiesta ST genügsam: bei legerer Fahrweise begnügt er sich schon einmal mit 6,5 Litern / 100km, auf Arbeitsfahrten geht sogar noch weniger. Auf dem täglichen Arbeitsweg konnte ich diesen stolzen Durchschnitt auch problemlos halten, doch seit einem halben Jahr fällt dieser Arbeitsweg flach – der ST wird also fast ausschließlich für Spaßfahrten, Einkäufe und zum Urlaubfahren verwendet. So zeigt der Tacho heute rund 7,3 Liter / 100km an, die vornehmlich durch sportlicher Fahrweise und Kurzstrecke zustande kamen.

Alle 15.000km oder jedes Jahr soll der ST in die Inspektion, genauso wie seine kleinen Brüder also. Die Inspektionen beim Händler sind mit gut 260 Euro zu Buche geschlagen, ein recht annehmbarer Preis, wenn man bedenkt, dass das Öl direkt vom Händler gute 80 Euro vom Preis ausmacht. Als braver Petrolhead habe ich meinem ST natürlich auch noch den obligatorischen (und dank nettem Verkäufer kostenlosen) Ölwechsel nach den ersten 1500km spendiert, auch, wenn das synthetische 5W30 und die heutigen Fertigungslinien den Einlauf-Ölwechsel eigentlich obsolet machen sollten.

Gute Verarbeitungsqualität & kleine Wehwehchen

Zugegeben – der Fiesta ST ist nicht mein erster Ford. Als ehemaliger Ka-Fahrer ist mir die Ford-typische Verarbeitungsqualität sehr bewusst gewesen und ich habe mich auf die ein oder andere Abnutzungserscheinung eingestellt, die in dieser Preiskategorie wohl auch unausweichlich erscheinen. Doch falsch gedacht: Die Qualität des Interieurs im Fiesta ST ist eine echte Überraschung.

Hier muss beachtet werden: Der Fiesta ST ist immernoch ein Kleinwagen, er muss sich also den Preisen entsprechend mit viel Hartplastik und einer möglichst günstiger Bauweise zufrieden geben. Die wichtigen Elemente haben aber eine feine Verarbeitungsqualität, das Sony-Radio glänzt in schönem, aber extrem Fingerabdruckanfälligem Klavierlack und Lenkrad und Schaltknüppel sind in Leder mit roten Ziernähten eingehüllt. Alle Hartplastikflächen haben ein Muster eingeprägt, dass das Material deutlich angenehmer wirken lässt. Sieht man genauer hin, fallen natürlich schnöde Verschalungen oder garkeine Verkleidung im Fußraum auf. Auch der Schaltknüppel ist leider ein wenig zu „leicht“ ausgefallen, ein kompakterer oder schwerer Knüppel hätte das Schaltgefühl noch einmal unterstützt. Insgesamt ist der Innenraum dank roter Ambientebeleuchtung ein echter Hingucker und ein Ort, an dem man sich gerne aufhält.

Auch nach 1 1/2 Jahren hat sich am Innenraum nichts verändert: alles sieht aus wie Neu, es knarzt und wackelt nichts. Kleinere Vibrationen vom Sound Symposer und umliegenden Kabeln kommen hin und wieder vor, wenn die Temperaturen in die Minusgerade gehen.

Von den oft beklagten Riefen in den Bremsen blieb das dieser Fiesta ST zum Glück verschont, doch seit Kilometer 15.000 quietschen sie zuweilen ganz fürchterlich. Auch die in Foren verteufelten beleuchteten Einstiegszierleisten sind nach 1 1/2 Jahren nicht ausgefallen. Neue Fiesta ST Modelle sollen dieses Problem wohl auch nicht mehr haben.

Der größte Fehler an diesem Auto ist eigentlich, von mir selbst verschuldet, der Lack: Fords „Lavarot“ mag eine wunderschöne Farbe sein. Wenn die Sonne darauf scheint, leuchtet der ST in goldenem Orange ( die Metallic-Flakes im Lack sind goldfarben) und zieht die Blicke auf sich, sodass sogar schon einzelne Fahrer und sogar Motorradfahrer fragten, ob das Auto umgebaut worden sei. Das Problem liegt jedoch am Lack ansich: dieser ist, zumindest bei meinem Fahrzeug, unglaublich weich. Schon nach wenigen Kilometern ließen sich trotz vorsichtiger Fahrweise die ersten Steinschläge im Lack nicht verhindern. Nach 20.000km zieren über 30 Steinschläge das grimmig dreinschauende Gesicht des ST, obwohl das Auto kaum eine Autobahn gesehen hat und auch nicht übermäßig nahe aufgefahren wurde. Nach drei oder vier Jahren wird die Front wohl aussehen wie ein schweizer Käse. Und Gott behüte, diese Steinschläge selber nachzubessern, denn der Lack besteht aus so vielen einzelnen Schichten, dass das ganze auch mit der ruhigsten Hand nur hässlich aussehen kann. Lavarot ist übrigens auch beim Händler nicht allzu beliebt: Der Dreischichtenlack lässt sich sehr schlecht nachlackieren, sodass Teile komplett neu lackiert werden müssen, wenn sie einen Fehler haben.

Tipp: Performance-Blau ist eine sehr schöne Farbe, die deutlich robuster sein soll. Besonders in Verbindung mit weißen Felgen ist die Farbe ein echter Hingucker (OZ Superturismo LM oder ähnlich).

Ein paar Kleinigkeiten gäbe es da noch…

Der Fiesta ST ist ansicht schon ein sehr gefälliges Gesamtpaket. Doch hat jedes Fahrzeug ein paar kleine Macken, die man gerne Ausbessern würde.

Die Auspuffanlage des kleinen ST ist recht leise (siehe Soundfiles am Ende des Artikels). Hier wäre eine knackige Auspuffanlage mit etwas mehr Wumms angesagt. Der Sound Symposer sollte per „Stöpsel“ deaktiviert werden, dann sind auch längere Fahrten mit dem Fiesta ST kein Problem mehr. Die originalen Ford-Felgen sind zwar schön, aber auch sehr schwer: Leichte Felgen könnten vielleicht noch ein paar km/h und ein bisschen Spaß in den Kurven rausholen. Eine Tieferlegung um 15 bis 30 Millimeter steht dem Fiesta ST auch extrem gut – was leicht mit HR- oder Eibach-Federn nachzurüsten wäre.

 Fazit

Pro:

  •  Leistung satt (Leistungsgewicht 6,37 kg/PS)
  •  sportlich-straffes Fahrwerk
  •  leichtes Übersteuern in schnellen Kurven
  •  wintertauglich
  •  genügsamer Motor (unter 7 l/100km)
  •  überzeugende Verarbeitungsqualität

Contra:

  •  Extremer „Schlag“ bei großen Schlaglöchern, keinerlei Federung
  •  Sound-Symposer nervt bei längeren Fahrten
  •  Weicher Lack, Steinschläge vorprogrammiert
  •  Quietschende Bremsen nach 15.000km
  •  Winziger Infotainment-Bildschirm
  •  Schaltwege etwas zu lang (verglichen mit Mazda MX-5)

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Ford Fiesta ST Sound

Kaltstart (Vorsicht, Übersteuert!):

 

Ford Fiesta ST Bilder